Wieviel Gegenwart steckt in den 1920ern?
Die Neue Nationalgalerie ist eine Ikone der Moderne. Als Museum und als architektonisches Highlight im Kulturensemble des Potsdamer Platz’. Mies van der Rohes gläserner Bau am Kulturforum gibt der Kunst des 20. Jahrhunderts einen ebenso radikalen wie offenen Rahmen. Die Sammlung reicht von der klassischen Moderne über Expressionismus, Neue Sachlichkeit und Bauhaus bis zur Kunst nach 1945.
Bis zur Eröffnung des im Bau befindlichen Berlin Modern können viele Werke nur wechselnd gezeigt werden. Mit dem entstehenden neuen Museumsbau verändert sich diese Situation grundlegend. Ruin und Rausch richtet den Blick noch einmal konzentriert auf die Berliner Moderne und bringt Werke zurück in die Öffentlichkeit, die viele Besucher:innen lange vermisst haben.



Umfeld
Berlin zwischen 1910 und 1930, gesehen durch die Sammlung der Neuen Nationalgalerie: Rund 35 Werke erzählen von einer Stadt zwischen Aufbruch und Abgrund, Exzess und Armut, Emanzipation und Extremismus. Viele dieser Arbeiten, wie der berühmte Potsdamer Platz (1914) von Ernst Ludwig Kirchner, waren lange nicht zu sehen und wurden vom Publikum immer wieder gewünscht.
Ruin und Rausch holt sie zurück und rückt die Berliner Moderne ins Zentrum. Zugleich weist die Ausstellung nach vorn: Mit dem entstehenden Berlin Modern bekommt die Kunst des 20. Jahrhunderts am Kulturforum künftig deutlich mehr Raum. Die Ausstellung wird so auch zu einer Momentaufnahme zwischen bestehender Sammlung, neuer Aufmerksamkeit und einem Museum im Wandel.



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Herausforderung
Hundert Jahre später wirken manche Spannungen der 1920er-Jahre erstaunlich gegenwärtig. Doch Ruin und Rausch ist keine reine politische Ausstellung vor dem Hintergrund heutiger Umbrüche. Im Mittelpunkt stehen die Werke und Künstler und ihr Blick auf eine Stadt, in der Freiheit, Fortschritt und Vergnügen neben Armut, Gewalt und politischer Radikalisierung existierten.
Diese Ambivalenz sollte auch der Raum tragen. Der Vibe der „Goldenen Zwanziger“, allerdings ohne nostalgische Partyästhetik. Das Ruinöse, aber ohne die Ausstellung in Schwere zu tauchen. Die Gestaltung musste Atmosphäre schaffen und zugleich zurücktreten können – vor Bildern, die ihre Zeit selbst mit großer Wucht erzählen.
Idee
Nicht die Zwanziger zitieren, sondern in ihre Atmosphäre hineinführen. Die Gestaltung nimmt Motive der Zeit auf, ohne daraus eine historische Kulisse zu bauen. Moderne Typografie trifft auf Anklänge an die grafische Moderne, Farbe und Material erzeugen Nähe und Distanz zugleich. Die Dramaturgie folgt den drei Kapiteln der Ausstellung und wird durch Film, Objekte und eingesprochene Gedichte erweitert.
An den Enden des Rundgangs stehen zwei starke Bilder wie Klammern: Ernst Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ eröffnet das zerrissene Lebensgefühl der Metropole, Otto Dix’ Porträt der Tänzerin Anita Berber setzt einen weiteren ikonischen Höhepunkt. Dazwischen entfaltet sich Berlin in vielen Stimmen.


Umsetzung
Der Schritt in die Ausstellung ist auch ein Wechsel der Atmosphäre. Die Räume sind vollständig in ein tiefes Petrol getaucht – Wände, Flächen und grafischer Hintergrund werden zu einem gemeinsamen Farbraum. Darauf stehen absinthfarbene Rubriktitel, die die Kapitel markieren und Orientierung geben, ohne sich vor die Werke zu schieben.
Filmsequenzen aus „Metropolis“ und „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, Objekte und Hörstationen mit Gedichten von Anita Berber, Mascha Kaléko und Erich Kästner unterbrechen den klassischen Ausstellungsrhythmus. So entsteht keine historische Rekonstruktion, sondern ein dichter Parcours aus Kunst, Bewegung, Stimmen und Stadt.

Design
Petrol bildet die Bühne, Absinth setzt die Signale. Dazu kommen currygoldene Fadenvorhänge und Weiß als klarer, fast harter Kontrast. Die Palette trägt etwas Nächtliches und Elegantes in sich, ohne in Art-déco-Klischees abzurutschen. Gleichzeitig ist sie auf die Werke abgestimmt: Besonders das feurige Rot von Otto Dix’ „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ bekommt im dunklen Raum maximale Präsenz.
Mit der Auswahl der Maxeville wird die Moderne typografisch spürbar, ohne historische Schriftbilder zu imitieren. Die Neo-Grotesk von SM Foundry verbindet geometrische Klarheit mit einer konstruierten, teilweise fast gebauten Anmutung. Ihre Referenzen liegen in den europäischen Kunst- und Designbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts.
Damit schlägt sie eine direkte Brücke zur Zeit der Ausstellung, bleibt aber unverkennbar gegenwärtig. In großen Titeln entwickelt Maxeville eine prägnante, eigenständige Präsenz; in der Ausstellungsgrafik hält sie sich gegenüber den Werken zurück. So entsteht historische Nähe ohne Retro-Geste.

Wir haben mit unserer Gestaltung einen kleinen, aber berauschenden Blick in die Zukunft der Präsentation der Sammlung gegeben.
Marie Breinl
Museologin und Projektmanagerin anschlaege.de

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